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Spielzeug für Kinder – kein faires Spiel

In nahezu jedem Kinderzimmer stapeln sie sich in den Regalen: Plastik- und Holzfigürchen, Bausteine, Puzzles, Autos, Eisenbahnen, Kuscheltiere, Puppen, Bücher, bunte Boxen … Spielzeug in Massen.

Wer denkt bei all den bunten, fröhlichen Dingen, diesen in Form gegossenen Kinderträumen schon gerne darüber nach, wie sie hergestellt wurden? Durchaus verständlich - dennoch lohnt ein kleiner Blick hinter die Kulissen.

In die Kritik gekommen ist in letzter Zeit Spielzeug aus Fernost wegen der Verwendung von eventuell gesundheitsgefährenden Stoffen. Natürlich will keiner von uns Spielzeug, das unseren Kindern schadet.

Aber was, wenn das Spielzeug nicht (nur) unseren Kindern schadet, sondern auch den ArbeiterInnen in der Produktion?
Circa 80 Prozent des weltweit vertriebenen Spielzeugs wird in China produziert. In Deutschland wird circa 70 Prozent des hier verkauften Spielzeugs im Ausland produziert, über  75 Prozent dieses „Import-Spielzeugs“ wird in China hergestellt. Und sogar auf Kinderbüchern, speziell den aufwändig hergestellten Titeln mit aufklappbaren Teilen, Aussparungen, Glitzer … prangt oft genug ein „Printed in China“. Hauptgrund: Die niedrigen Produktionskosten.

Spielzeug ist also, wie Kleidung, ein typisches Produkt des Niedriglohnsektors mit all seinen negativen Begleiterscheinungen. Aus chinesischen Produktionsbetrieben für Spielzeug kommen entsprechend alarmierende Berichte: Vor allem in den Spitzenzeiten der Produktion wie dem Weihnachtsgeschäft sind Arbeitstage von bis zu 16 Stunden, 7 Tage die Woche üblich, Pausen werden verweigert, manchmal sogar der Gang zur Toilette während der Arbeitszeit, Arbeitervereinigungen verboten, teilweise üben die Aufseher körperliche Gewalt aus, Löhne liegen oft sogar noch deutlich unter dem ohnehin schon geringen gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn, Überstunden werden nicht bezahlt – schlicht gesagt, Zustände, die jeglicher Menschenwürde widersprechen. Gerade in der Verarbeitung von problematischen Stoffen wie Kunststoffen, Farben und Lacken arbeiten die Menschen häufig unter katastrophalen Bedingungen mit entsprechenden Folgen für ihre Gesundheit. Zusätzlich müssen ArbeiterInnen, meist Wanderarbeiterinnen aus einfachen Verhältnissen, trotz Verbot dieser Praxis immer wieder vor Arbeitsbeginn eine Kaution bezahlen, als „Sicherheit“ für ihren Arbeitgeber.

Anders als im Bekleidungsbereich (IVN/GOTS oder FLO-Cert/Fairtrade) existiert leider bisher kein Siegel, das deutlich eine faire Produktion des Spielzeugs kennzeichnet und garantiert. Allerdings gibt es immerhin seit einigen Jahren einen Verhaltenskodex des Weltverbandes der Spielzeugindustrie (ICTI), der Kontrollen unterliegt und sich, anders als die Verhaltenskodexes einzelner Firmen, prinzipiell an alle produzierenden Firmen im Spielzeugsektor richtet – sprich, jeder Produktionsbetrieb kann Mitglied werden, wenn er denn möchte und die Zulassungsvoraussetzungen erfüllt.

Voraussetzung ist die Einhaltung bestimmter elementarer Regeln wie die Beachtung gesetzlicher Arbeitszeiten, Zahlung der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlöhne, gesetzliche Leistungen im Falle von Krankheit oder Schwangerschaft, Arbeits- und Gesundheitsschutz, Notfallvorsorge, Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit, sichere und saubere Schlafräume. Kurz gesagt: Der ICTI-Kodex will zumindest das Mindestmaß an Arbeitsrechten garantieren. Die Herstellungsfirmen, die sich zertifizieren möchten, müssen den sogenannten ICTI CARE Prozess durchlaufen, der Vorkontrolle, Verbesserungsmaßnahmen und erneute Kontrolle umfasst. Welche Firmen zertifiziert sind, kann man unter www.icti-care.org nachlesen. Die meisten deutschen Firmen sind allerdings lediglich Abnehmer chinesischer Herstellungsfirmen und treten in China nicht selbst als Produzenten auf – nichtsdestotrotz haben sie gewaltigen Einfluss auf die Preise und die Produktionsbedingungen. Diese „Einkaufsbetriebe“ können sich dazu verpflichten, ihre Ware ausschließlich über ICTI-zertifizierte Herstellungsbetriebe zu beziehen, allerdings unterliegt diese Selbstverpflichtung keinerlei Kontrolle – ein wesentlicher Kritikpunkt am ICTI-CARE Verfahren.

Generell hat das Verfahren des ICTI-Care Prozesses noch einige deutliche Schwächen. So sind bisher lediglich chinesische Betriebe am Verfahren beteiligt und zudem werden Vorlieferanten der zertifizierten Betriebe weder erfasst noch kontrolliert und können entsprechend weiter „unfair“ produzieren. Außerdem werden die ArbeiterInnen in der Umsetzung des Kontrollprozesses kaum berücksichtigt, sie werden weder von unabhängiger Seite über ihre Rechte aufgeklärt, noch können sie auf ein gut funktionierendes Beschwerdesystem zugreifen. Darüber hinaus kritisieren Arbeitsrechtorganisationen, dass die zuständigen Gremien überwiegend aus BranchenvertreterInnen bestehen (siehe www.fair-spielt.de > Hintergrund > ICTI-Kodex).

Die Aktion „Fair spielt“ kritisiert zudem aktuell die stockende Umsetzung des ICTI-Kodexes. Tatsächlich ist die Anzahl der Spielzeugfirmen, die ihre Ware ausschließlich oder zumindest zu großen Teilen über zertifizierte Lieferanten kaufen sogar rückläufig - derzeit beziehen nur mehr 38 Prozent der von der Aktion fair spielt beobachteten Spielzeugfirmen, die in Fernost produzieren (lassen) überhaupt von einem oder mehreren ICTI-zertifizierten Zulieferern. Zum Vergleich: Anfang 2009 waren es noch 48 %. Leider kann man sich auch auf ein „Made in Germany“ nicht immer verlassen, da dieses Zeichen nicht zwingend bedeutet, dass alle Arbeitsschritte auch tatsächlich in Deutschland erfolgt sind.

Was also tun, wenn man unfaire Bedingungen bei der Herstellung von Spielzeug nicht hinnehmen will?
Eine Möglichkeit ist, gezielt bei den bevorzugten Spielzeugfirmen nachzufragen und zu signalisieren, dass man Wert auf faire Produktionsbedingungen legt. Wer nachsehen möchte, wie es um einzelne Firmen bestellt ist: Auf der Seite der Aktion fair spielt www.fair-spielt.de findet sich unter „Hintergrund > Firmenübersichten“ eine sehr aufschlussreiche Firmenübersicht zur Umsetzung des ICTI-Kodex. Dort wird für einzelne Spielzeugfirmen aufgezeigt, wie groß der Anteil an Spielzeug aus chinesischer Produktion ist, wie viele Lieferanten des Betriebs nach dem ICTI-Kodex zertifiziert sind und wie bereitwillig das Unternehmen Informationen über die Umsetzung des Kodex gibt. Eine weitere Liste gibt Auskunft über Betriebe, die nahezu ausschließlich in Deutschland produzieren.

Eine andere Möglichkeit der Einflussnahme ist, gezielt Ware von Firmen zu kaufen, die den Produktionsprozess ihrer Spielwaren transparent machen und zumindest den ICTI-Kodex voll umsetzen oder noch darüber hinausgehen. Auch Fair-Trade Importeure und Fair-Trade Läden bieten teilweise Spielzeug an.

Und schließlich bleibt auch immer die Möglichkeit, Spielzeug gebraucht zu kaufen – was auch aus Umweltschutzgründen durchaus sinnvoll ist.

Viele werden sich nun fragen, ob Spielzeug, das fair produziert wird nicht gleichzeitig sehr viel teurer wird. Tatsächlich stellen die Produktionskosten aber nur einen sehr geringen Anteil am Endpreis dar (Der Lohn einer Arbeiterin in China macht meist lediglich zwischen 1 und 2 Prozent des Endpreises eines Produkts aus). Dass viele der Firmen, die derzeit fair produzieren, tendenziell eher teuer sind, liegt vielmehr daran, dass es sich dabei häufig um kleine Firmen mit geringen Stückzahlen handelt. Prinzipiell ist aber nicht davon auszugehen, dass eine Umstellung auf deutlich verbesserte Arbeitsbedingungen einen enormen Preisanstieg verursachen würde. Und ist die Gewissheit, dass das Kinderzimmer nicht mit Spielzeug aus menschenunwürdiger Produktion gefüllt ist nicht doch einen kleinen Aufpreis wert?

Wir möchten Spielzeug, das fröhlich macht – und das funktioniert nur, wenn auch die Herstellungsbedingungen stimmen.

Dieser Artikel bezieht sich auf die Broschüren „So bringen Sie Menschenrechte ins Spiel – eine Handreichung der Aktion fair spielt für Verbraucherinnen und Verbraucher, Heidelberg 2005“, und „Spielzeug …. Verantwortlich einkaufen … fair beschaffen – Eine Handreichung für Eltern & Verwandte, Kita-Teams & Träger, Heidelberg 2010“ sowie Informationen der Seite www.fair-spielt.de.

Links zum Weiterlesen
www.fair-spielt.de
http://www.misereor.de/fileadmin/redaktion/fair-Gesamtbaustein.pdf
(Unterrichtsmaterial mit sehr vielen Hintergrundinformationen)
www.icti-care.org

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