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Kirsten Brodde: “Wo ist eigentlich unser ‘Genug’-Schalter?”

Kirsten, was war der Auslöser, dass du dich so intensiv mit dem Thema Ökomode beschäftigt hast?

Eigentlich war ich dabei, meinen gesamten Lebensstil in Richtung Grün zu trimmen und nachdem der Kühlschrank mit Biolebensmitteln gefüllt war, die Energiesparlampen drin und die Wasserspararmaturen dran, stand ich irgendwann ratlos vor meinem Kleiderschrank und fragte mich, was darin eigentlich sauber hergestellt war. Nach zwei Jahren bin ich heute von Kopf bis Fuß auf öko umgestellt und fange an, zu überlegen, wie weit ich meinen Kleiderschrank eigentlich minimieren kann – mit wie vielen Teilen komme ich gut über die Runden? Sechs?

Bei allem Respekt für Öko-Mode, wir kaufen einfach zu viel. Wo ist eigentlich unser „Genug“-Schalter?

Verbraucher tappen bisher im Dunkeln, was die Produktionsbedingungen ihrer Kleidung betrifft. Was forderst du, um diesem Manko entgegen zu wirken?

Kleidung ist eigentlich legaler Handel mit Unbekannten, denn darüber wie und wo produziert wird, erfahren wir auf den Etiketten nichts. Etiketten sind aber eigentlich der angestammte Platz für Informationen über unsere Kleidung, oder nicht? Ich fordere deshalb „ehrliche Etiketten“. Stünde drauf, was wirklich drinsteckt an Gift und Ungerechtigkeit, würden wir alle scharenweise zur grünen Alternative überlaufen.

Was meinst du: Wird ein grüner Lebensstil von vielen Menschen nicht eher aus einem Lifestyle-Bedürfnis geführt, als aus dem Wunsch, wirklich etwas zu ändern?

Wäre der grüne Lebensstil nur eine Blase, dann wäre alles während der Finanzkrise geplatzt. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Leute achten darauf, was sie bekommen für ihr Geld und da hat alles Grüne dann jetzt erst recht eine Chance. Natürlich hätte ich gerne, dass alle zweigleisig fahren und nicht nur grün konsumieren, sondern sich auch sozial und politisch engagieren. Den „inneren Aktivisten“ in uns zu entdecken, finde ich eine schöne Idee. Darum dreht sich auch mein neues Buch.

Meinst du, dass Bio-Mode einen ähnlichen Boom erfahren wird wie die Bio-Lebensmittel?

Bei Mode geht es sicher ans Eingemachte, weil wir uns über Mode ausdrücken wollen und unserer Lust auf Veränderung frönen. Aber wenn ich sehe, wie aus dem zarten Pflänzchen Öko-Mode inzwischen ein Dschungelgewächs geworden ist, bin ich zuversichtlich. Und ästhetische Abstriche muss man nicht mehr machen, obwohl gelegentlich immer noch Pionierleistungen beim Suchen zu erbringen sind. Ich finde das Schuh-Angebot immer noch mau. Und bei den Dessous würde ich auch verhandeln wollen. Öko-Schiesser designt von Joop, ja bitte!

Neue Klamotten soll man waschen, bevor man sie anzieht. Doch warum das so ist, wissen die Wenigsten so genau. Kirsten, was ist das eigentlich für eine Chemie, die mit herkömmlicher Mode auf unserer Haut landet?

Ein paar Beispiele: Bügelfrei-Ausrüstungen mit Formaldehyd (giftig!), bestimmte Dispersionsfarbstoffe für bunte Farben, benzolhaltige Druckpasten für Motivdrucke, Fluorcarbone für Imprägnierungen, Bakterizide wie Triclosan gegen Schweißgeruch, chlorhaltige Filzfrei-Ausrüstungen für Wolle, Chrom für das Gerben von Leder, Dimethylfumarat gegen Schimmelpilzbefall bei Lederschuhe oder Pelz…

Klingt nach chemischer Kriegführung, oder? Ich möchte nur Chemie, die Mensch und Umwelt nicht belastet und Kleidung, die quasi essbar ist.

Worin siehst du im Bereich der grünen Mode noch den größten Handlungsbedarf?

Sicher in der Veredelung (siehe Fragen zuvor), dann in der Fusion von Bio und Fair. Am liebsten hätte ich Mode, die doppelt gut ist und ökologisch und ethisch vorbildlich ist. Ja, klingt utopisch. Aber ich finde, wir sollten hier nicht kleinkariert denken und irgendwann diesen Automatismus bio und fair haben. Verbraucher sein ist eh schon ein Vollzeitjob, deshalb hätte ich auch gerne ein einheitliches Zeichen, an dem ich diese Mode erkennen kann. Persönlich glaube ich nicht, dass wir nur mit Naturfasern auskommen werden. Was ziehe ich dann zum Sport an? Da sind sicher Halb-Synthetiks wie Viskosen oder Kunstfasern im Spiel, die sich ebenfalls öko-optimieren lassen.

Und dann natürlich mein XS-Kleiderschrank mit sechs Stücken oder weniger - was gehört eurer Meinung wirklich unabdingbar zu den Basics (Schuhe und Accessoires ausgenommen)?

Dr. Kirsten Brodde, 46, lebt in Hamburg. Sie ist Autorin des Sachbuches “Saubere Sachen”, was im Februar 2009 bei Ludwig erschienen ist. Von 2000 bis 2008 arbeitete sie als Redakteurin des Greenpeace Magazins mit Schwerpunkt Umwelt- und Verbraucherthemen. Unter dem Titel “Was ich will - was ich nicht will” schreibt sie Einkaufskolumnen für STERN Gesund Leben. Magazinstücke aus ihrer Feder sind auch in GEO WISSEN, VITAL und in der ZEIT zu lesen, sowie auf der Kampagnen-Plattform von GREENPEACE unter GREEN ACTION. Seit August 2010 gibt´s  ihr neues Buch “Protest” im Handel, in dem sie moderne und originelle Formen des Protests präsentiert und anhand praktischer Beispiele zeigt, wie man große und kleine Ziele durchsetzt - auf ökologischem, sozialem oder kulturellen Gebiet.

Danke für das Interview!

5 Meinungen zu "Kirsten Brodde: “Wo ist eigentlich unser ‘Genug’-Schalter?”"

Deine Meinung?

  1. Dorothea Becker (26. August 2010 um 08:14)

    Guter Bericht mit nützlichen Infos. Wichtig bleibt aber klar zustellen, daß die meisten Mode-Ökolabels Ihr "Öko" ausschließlich auf die Nutzung von Biobaumwolle beziehen und somit bei der konventionellen Weiterverarbeitung der Bio-Rohstoffe die von Kirsten Brodde genannten hochtoxischen Stoffe weiterhin ins Textilgut und in die Umwelt gelangen.
    Das Ökolabels nicht immer halten, was sie versprechen, zeigt folgender Link:

    http://www.suedwind-institut.de/downloads/2009-01_som_PM_sozial-oekologische-Mode-auf-dem-Pruefstand.pdf )

    Mehr zu dem Thema "Wann ist ökologische Mode wirklich ein ökologisches Produkt" auf meinem eigenen Webblog

    http://www.green-fashion-blog.dorotheabecker.com/

    und meinem Blog auf Utopia:

    http://www.utopia.de/blog/oekologische-nachhaltige-mode

    viele Grüße
    Dorothea Becker

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